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Meinung | 03.07.2009

Tote leben länger

 

Proteste im Iran, Raketen in Nordkorea, abziehende US-Truppen im Irak: im amerikanischen Fernsehen ist all das vergessen und verdrängt - seit Michael Jackson gestorben ist.

 

Fast rund um die Uhr laufen nun Jackson-Berichte. Zu Todesursachen und Testamenten, zu Schulden und Sorgerecht für Jacksons Kinder. Larry King moderiert live von der Neverland Ranch, die letzten Filmaufnahmen von Jackson laufen als Dauerschleife auf den Kabelkanälen. Der tote Michael Jackson ist der Star auf allen Kanälen - zu Lebzeiten war ihm soviel Glanz und Aufmerksamkeit in den USA schon seit langem verwehrt.

"United We stand"

Kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 gab es in Washington ein Megakonzert, dass ich mir nicht entgehen lassen wollte. Von James Brown über NSync und Bette Middler bis hin zu Puff Daddy standen Amerikas bekannteste Musiker auf der Bühne des Washingtoner RFK Stadions. "United We stand" - Solidarität gegen den Terror des 11. September.

Eine beeindruckende Marathonveranstaltung, bei der am Nachmittag auch Michael Jackson auftreten sollte. Aber Jackson muss der Auftritt noch lange geschmerzt haben: das Publikum buhte den "King of Pop" aus. Vielleicht weil es zuvor schon Streit um Jacksons Auftritt gegeben hatte, vielleicht auch nur, weil die Marotten des Popstars den Amerikanern allmählich auf die Nerven gingen.

Michael Jackson 2005 (Foto: dpa)Bildunterschrift:

Unerwünschte Person

Während ein Affe als Haustier, das Sauerstoffzelt für gesunden Schlaf, der ewige Mundschutz und die Schönheitsoperationen als exzentrisch galten, bereiteten die Gerüchte über angeblichen Kindesmissbrauch Jacksons Karriere in den USA ein jähes Ende. Auch wenn Jackson nie von einem Gericht verurteilt wurde, so hatte die amerikanische Öffentlichkeit schon lange ihr Urteil gefällt.

Als Michael Jackson im Frühjahr 2004 den US-Kongress besuchte, um sich gegen Aids in Afrika einzusetzen, inszenierten Jacksons Leibwächter nach der Vorfahrt Jacksons in einem Konvoi schwarzer Geländewagen ein Riesenspektakel. Gerade so, als gelte es Massen von Fans abzuwehren. Wir Reporter zählten jedoch nur 20 oder 30 Neugierige und Autogrammjäger. Im Kongress ließen die meisten Abgeordneten dann verlauten, sie hätten keine Zeit fuer Jackson - denn niemand wollte sich mehr mit ihm fotografieren lassen. Auch eine Ad hoc Pressekonferenz verlief nicht besser. Den schwachen Applaus quittierte der "King of Pop" mit der Bemerkung "das war nicht laut genug" und irritierte so die letzten verbliebenen Sympathisanten.

Eine Demütigung  

Der Versuch, sich mit respektablem AIDS-Engagement in der amerikanischen Hauptstadt zu inszenieren, endete mit Demütigung durch Bedeutungslosigkeit. Nur die Ehefrauen der afrikanischen Botschafter in Washington empfingen den König des Pop zu einem Abendessen und verliehen Jackson einen Preis in Form eines Elefanten.

Vielleicht ist es ein posthumer Trost, dass die Abgeordneten, die ihm vor fünf Jahren nicht die Hände schütteln wollten, nun zu einer Schweigeminute im Kongress aufriefen. Und dass Amerika sich wieder zum Applaus durchgerungen hat - zu erstaunlich lautem Applaus.



Autor: Stephan Bachenheimer
Redaktion: Christian Walz

 
 

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